Heute schon was vorgelesen?

„Vorlesen ist die Mutter des Lesens“, das wusste auch schon Goethe. Das Vorlesen gilt bis heute als der Grundstein für die Lesesozialisation eines Menschen. Wem als Kind schon viel vorgelesen wurde, der wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch im späteren Leben Freude am Lesen haben, da von Kindesbeinen an Bücher mit positiven Erfahrungen verknüpft wurden. Das fängt schon bei der Nähe und Geborgenheit an, die Kindern in Vorlesesituationen widerfährt. Dabei wird nicht nur die Eltern-Kind-Beziehung gestärkt, auch in Krabbelstube und Kindergarten fördert Vorlesen die Gemeinschaft.
 

Fördert sprachliche und kognitive Entwicklung

In Ergebnissen der PISA-Studie wird deutlich, dass Kinder beim Schuleintritt die Alltagssprache beherrschen sollten, da dies die wichtigste Voraussetzung für das Lesen-lernen darstellt. Die wichtigsten Entwicklungsschritte im Spracherwerb machen Kinder zwischen dem 1. und 4. Lebensjahr. Das Betrachten von Bilderbüchern, Hören von Geschichten und genauso der Austausch über die gehörte Geschichte leisten in diesem Alter einen wichtigen Beitrag zur Sprachentwicklung. Dabei helfen beispielsweise auch Fingerspiele, Kniereiter oder Reime. Damit können Kinder bereits in jungen Jahren lustvolle Begegnungen mit der Sprache machen.

Aber nicht nur die sprachliche, auch die kognitive Entwicklung wird durch das Vorlesen angeregt. Denn Bücher enthalten Informationen und dieses Wissen eignen sich die Kinder beim Zuhören ganz nebenbei und unbewusst an. Neben dem Wissenserwerb werden durch das Vorlesen auch Denkprozesse angeregt, intellektuelle Fähigkeiten erweitert und das Gedächtnis geschult. Das beim Lesen entstehende „Kopfkino“ fördert die Vorstellungskraft und Fantasie der Kinder.

"Lesen ist ein grenzenloses Abenteuer der Kindheit."

Astrid Lindgren

Vorlesen macht Kinder stark

Das Vorlesen hat damit nicht nur Auswirkungen auf den schulischen Erfolg, sondern hat auch eine längerfristige soziale Bedeutung. Das zeigen Ergebnisse der aktuellen Vorlesestudie der Stiftung Lesen: Kinder, welchen regelmäßig vorgelesen wurde, sind auch viel häufig darum bemüht, andere Kinder in eine Gemeinschaft zu integrieren. Auch der Gerechtigkeitssinn ist viel stärker ausgeprägt. Das hängt vor allem damit zusammen, dass Kinder beim Vorlesen die Gelegenheit haben, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. So werden die von den ProtagonistInnen durchgeführten Handlungen nachvollzogen und die verschiedensten Gefühle vom Kind miterlebt. Durch diesen Prozess wird die emotionale und soziale Entwicklung gestärkt: Wer seine eigenen Gefühle bewusst wahrnehmen, benennen und kommunizieren kann und auch sensibel für die Gefühle anderer Menschen ist, der verfügt über essentielle Kompetenzen für ein harmonisches, wertschätzendes Miteinander.

6 Tipps – Wie das Vorlesen zum gemeinsamen Erlebnis wird

Damit es noch besser gelingt, Kinder an die Welt der Bücher heranzuführen und sie dafür zu begeistern, haben wir sechs hilfreiche Tipps zusammengestellt. Damit wird die gemeinsame Vorlesezeit zu einem wertvollen gemeinsamen Erlebnis, von dem Groß und Klein profitieren werden.

1. Gemütliche Atmosphäre schaffen
Egal ob im Bett, auf der Couch, in der Leseecke – schaffen Sie eine gemütliche Atmosphäre, in Sie und das Kind sich wohlfühlen. Denn wer sich wohlfühlt und es bequem hat, der kann sich auch gut und länger auf eine Geschichte einlassen.

2. Fixe Zeiten einplanen
Im Trubel des Alltags denkt man manchmal gar nicht daran, ein Buch zu nehmen und vorzulesen – zu viele andere Dinge stehen noch am Plan, zu interessant sind andere Spiele und dann ist der Tag auch schon vorbei. Hier kann es hilfreich sein, fixe Vorlese-Zeiten einzuplanen und zu einem Ritual werden zu lassen, zum Beispiel vor dem Schlafengehen. Rituale geben Sicherheit und das Vorlesen vor dem Einschlafen kann dabei helfen, nach einem vollen Tag zur Ruhe zu kommen.

3. Kind aussuchen lassen und Interessen berücksichtigen
Lassen Sie das Kind aussuchen, welches Buch es anschauen oder vorgelesen haben möchte. So wird ein positiv erlebter Zugang zu Büchern möglich, was wiederum für die spätere Lesebiografie sehr wichtig ist. Will das Kind zum gefühlt hundertsten Mal dasselbe Buch lesen? Lassen Sie es! Kinder lernen durch Wiederholung, zudem gibt es dem Kind eine gewisse Sicherheit, wenn eine Geschichte immer wieder gleich ausgeht. Versuchen Sie auch beim Ausleihen und Kaufen von Büchern die Interessen des Kindes zu berücksichtigen.

4. Vorlesen als Dialog gestalten
Fragen sind willkommen! Versuchen Sie Zwischenfragen des Kindes nicht als Störung zu sehen, sondern lassen Sie sich auf die Bemerkungen des Kindes ein und seien Sie gespannt, welche Gespräche und Ideen daraus entstehen. Stellen Sie auch zwischendurch gerne immer wieder Fragen zur Geschichte und versuchen Sie, einen Bezug zum Alltag des Kindes herzustellen. So können Sie beispielsweise sicherstellen, dass das Kind den Inhalt verstanden hat und Denkprozesse anregen. Das ist eine tolle Gelegenheit für das Kind, sich neues Wissen anzueignen und bereits vorhandenes Wissen zu festigen. Sprechen Sie daher auch nach Beenden des Buches über die Geschichte und reflektieren Sie gemeinsam mit dem Kind, was darin passiert ist.

5. Lebendig vorlesen
Eine Geschichte wird umso fesselnder und spannender, je lebendiger sie vorgelesen wird. Spielen Sie mit Ihrer Stimme und geben Sie den Figuren der Geschichte verschiedene Stimmen. Über entsprechende Mimik und Gestik können die kleinen ZuhörerInnen wunderbar einbezogen werden. Machen Sie Pausen, werden Sie lauter oder leiser, lassen Sie sich auf die Geschichte ein und haben Sie keine Angst vor Peinlichkeiten. Nur Mut – die Kinder werden es lieben!

6. Vorbild sein
„Wir brauchen unsere Kinder nicht erziehen, sie machen uns sowieso alles nach“, meinte der Komiker Karl Valentin einst. Und das gilt auch für das Lesen. Seien Sie ein Vorbild! Greifen Sie selbst immer wieder zu einem Buch und lassen Sie sich vom Kind beim Lesen „erwischen“.

Buchtipps

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